07.09.2016

ANNAS UND JOACHIMS FREUDE

nach Maria Valtorta

Joachim tritt ein, während Anna dabei ist, ihren Gesang zum dritten Mal zu wiederholen. »Bist du glücklich, Anna? Du bist wie ein Vöglein an einem Frühlingsmorgen. Welch ein Gesang mag das wohl

sein? Nie habe ich ihn von jemandem gehört. Woher kommt er uns?«

»Aus meinem Herzen, Joachim.« Anna hat sich erhoben und geht ihrem Gatten voll lachender Freude entgegen. Sie sieht jünger und schöner aus.

»Als Poetin habe ich dich noch nicht gekannt«, sagt ihr Gemahl und schaut sie mit offensichtlicher Bewunderung an. Sie scheinen nicht mehr ein bejahrtes Paar. In ihren Blicken liegt die Zartheit jun-

ger Verlobter.

»Ich kam aus dem Hintergrund des Gartens, da hörte ich dein Singen. Seit Jahren hörte ich dich nicht mehr mit der Stimme der verliebten Turteltaube singen. Willst du mir diesen Gesang noch ein-

mal wiederholen?«

»Ich würde ihn dir wiederholen, auch wenn du mich nicht darum gebeten hättest. Die Kinder Israels haben stets dem Gesang den wahrsten Ausruf ihrer Hoffnung, ihrer Freude und ihres Schmerzes anvertraut. Auch ich will dir und mir mit dem Gesang eine große Freude kundtun. Ja, auch mir selbst, denn die Sache ist so groß, dass sie mir noch nicht wahr scheint, obwohl ich ihrer doch so sicher bin . . . « Und sie beginnt aufs neue zu singen. Als sie die Stelle erreicht: »Auf diesem Zweig blüht eine Rose, prangt einer der süßesten Äpfel; ein Stern geht auf . . . « erfaßt ihre schöne Altstimme ein Zittern; sie stockt, schaut Joachim mit einem Freudenschluchzer an

und ruft mit erhobenen Armen aus: »Ich bin Mutter!« Dann stürzt sie an sein Herz, in die Arme, die er ihr entgegengestreckt hat und mit denen er jetzt seine glückliche Gemahlin an sich drückt. Das war die keuscheste und seligste Umarmung, die ich je gesehen habe. Keusch und doch glühend in ihrer Keuschheit. Dazu der sanfte Vorwurf, der in das graue Haar von Anna gesprochen wird: »Und du

hast mir nichts davon gesagt!«

»Ja, ich wollte dessen gewiss sein . . . Alt wie ich bin . . . mich als Mutter zu wissen . . . Ich konnte es nicht glauben . . . Und ich wollte dir nicht die bitterste aller Enttäuschungen bereiten. Schon seit Ende Dezember fühle ich eine tiefe Veränderung in meinem Innersten, weil, wie gesagt, ein neuer Zweig sich bildet. Aber nun bin ich der Frucht auf diesem Zweig sicher . . . Siehst du, dieses Tuch ist schon

für den kommenden Sprößling.«

»Ist das nicht der Flachs, das du im Oktober in Jerusalem erworben hast?«

»Ja, und dieser Flachs habe ich gesponnen, während ich wartete . . . und hoffte. Ich hoffte, denn als ich am letzten Tag im Tempel betete, solange eine Frau im Haus Gottes verweilen darf, und es war ja

schon Abend . . . erinnerst du dich, dass ich da sagte: „Noch, noch ein wenig!“? Ich konnte mich von jener Stätte nicht trennen, ohne das bewusstsein, Gnade erlangt zu haben! Und sieh da: Im Schatten, der schon das Innere des heiligen Ortes erfüllte, den ich mit der ganzen Anziehungskraft der Seele betrachtete, um von dem gegenwärtigen Gott eine Zusage zu erhalten, sah ich ein Licht, einen Funken schönsten Lichtes. Es war weiß wie der Mond, hatte aber in sich das Leuchten aller Perlen und Edelsteine, die es auf Erden gibt. Es schien, als ob einer der kostbarsten Sterne des Vorhangs, einer der Sterne unter den Füßen der Kerubim, sich loslöste und ein übernatürliches Licht ausstrahlte . . . Es schien, als ob jenseits des heiligen Vorhanges von der Herrlichkeit Gottes ein Feuer ausginge, auf mich zueilte und beim Durchdringen der Luft mit himmlischer Stimme sänge: „Das, worum du bittest, soll dir gegeben werden.“ Daher singe ich: „Ein Stern wird zu dir kommen.“ Welch ein Sohn wird der unsrige sein, der uns als Sternenlicht im Tempel geoffenbart wird und der am Fest der Lichter spricht: „Da bin ich.“ Mögest du richtig gesehen haben, als du mich für eine neue Hanna Elkana hieltest [1 Sam 1,9]. Wie werden wir unser Kind nennen, das ich lieblich wie plätscherndes Wasser in meinem Schoß reden höre mit seinem kleinen Herzen, das schlägt und schlägt wie jenes eines Turteltäubchens in der Höhlung der Hände?«

»Wenn es ein Knabe ist, so werden wir ihn Samuel nennen; ist es aber ein Mädchen, so geben wir ihm den Namen Stella (Stern).

Dieses Wort hat deinen Gesang beendet, als mir die Freude zuteil wurde, mich Vater zu wissen; dies ist die Gestalt, die es angenommen hat, um sich im heiligen Schatten des Tempels zu offenbaren.«

»Stern, unser Stern, denn ich weiß nicht, aber ich denke, es wird ein Mädchen sein. Es scheint mir, dass so sanfte Liebkosungen nur von einem allerliebsten Töchterchen kommen können. Denn nicht ich trage es; es bereitet mir keine Schmerzen. Sie ist es, die mich dahinträgt auf einem himmelblauen, blumenreichen Pfad, als ob ich getragen würde von heiligen Engeln und die Erde schon weit entfernt

wäre. Ich habe immer von den Frauen gehört, dass das Empfangen und Schwangersein Schmerzen mit sich bringt. Aber ich fühle keinen Schmerz. Ich fühle mich stark, jung und frisch, mehr als damals, da ich dir in ferner Jugendzeit meine Jungfräulichkeit schenkte. Die Tochter Gottes – denn von Gott kommt sie mehr als von uns, da sie aus einem verdorrten Stamme sprießt – bereitet ihrer Mutter keine Pein; nur Frieden und Segen bringt sie ihr: die Geschenke Gottes, ihres wahren Vaters.«

»Dann werden wir sie Maria nennen, Stern unseres Meeres, Perle, unser Glück. Es ist der Name der ersten Frau [Ex 15,20–21; Num 12,1–15]. Aber diese wird nie sündigen gegen den Herrn, und ihn

allein wird sie besingen, denn ihm ist sie geweiht: Opfer schon vor der Geburt.«

»Ja, ihm sei es angeboten, ob Knabe oder Mädchen. Wenn wir uns drei Jahre an unserem Kind erfreut haben, werden wir es dem Herrn schenken. Auch wir wollen zusammen mit ihm eine Opfergabe sein,

zur Ehre Gottes.«

Weiteres sehe und höre ich nicht.